Aktuelles

Weidenbacher Tor mit Rotem Schloss (ehem. Falkenhaus) und Reithaus.
  Beitrag über die Pferde des Markgrafen in Triesdorf und Ansbach geschrieben von Redaktion am 14.11.2020
Magdalena Bayreuther hat 2014 ihre Studie über die über Pferde und Fürsten veröffentlicht und darin auch die ausgestopften Pferde in der Residenz Ansbach beschrieben. Die Bayerische Schlösserverwaltung hat jetzt auf Ihrem Webportal Schlösserblog einen interessanten Beitrag über die Pferde des Markgrafen Carl von Ansbach veröffentlicht. Hier zum LInk.
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  300 Jahre Johann Peter Uz und sein Triesdorfer Gedicht geschrieben von Redaktion am 20.09.2020
Zum 300. Geburtstag des Ansbacher Dichters und Juristen Johann Peter Uz (3.10.1720-12.5.1796) zeigt das Markgrafenmuseum Ansbach eine Sonderausstellung. Den Auftakt dazu bildete am 1. Oktober 2020 der Vortrag von Prof. Dr. Ernst Rohmer (Universität Erlangen) zum Thema "Johann Peter Uz. Vom Nachruhm eines Dichters und Juristen" im Ansbacher Schloss (Alte Bibliothek) vor dem Historischen Verein für Mittelfranken.

Das bedeutende "läppische Gedicht" (= Loblied auf Markgraf Alexander) war eine Auftragsabeit für das Hoftheater Triesdorf unter der Intendanz der Lady Elizabeth Craven und zeigt, wie eng Politik und Kultur auch im 18. Jahrhundert verwoben waren.

Unser Landesvater jagt,
Wie die Edlen pflegen,
Doch des Volkes Liebe zagt
Seines Fürsten wegen.
Huldreich strahlt sein Angesicht,
Und wie Gottes Sonne
Ist es auch der Armen Licht,
Und verbreitet Wonne.
Helfen will er jedem gern,
Keinen gern betrüben,
Diesen lieben, guten Herrn,
Wer sollt’ ihn nicht lieben.

Johann Peter Uz (3.10.1720-12.5.1796)
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  Türkenbecher der Ansbacher Porzellanmanufaktur 1757-1860 geschrieben von Redaktion am 28.08.2020
ANSBACH/TRIESDORF – Der Antiquitätenhändler Christian Eichinger aus Ansbach hat mit der Herausgabe des Liebhaberbilderbuchs „Mon Plaisir“ den Erzeugnissen der „Ansbacher Porzellanmanufaktur 1757-1860“ ein Denkmal gesetzt. In sehr schönen Bildern von Florian Eichinger werden die Teller, Kannen und Figuren, insbesondere die „Türkenkoppchen“ für den Export an die Hohe Pforte nach Konstantinopel, auf 86 Seiten vorgestellt (Foto).

Dass die Exponate dabei aus privaten Sammlungen stammen, versteht sich bei einem Antiquitätenhändler ja fast von selbst. Leider hat der Herausgeber auf ein Vorwort verzichtet, dafür aber „eine von der hohen Qualität des Ansbacher Porzellans überzeugte Sammlerin“ – wahrscheinlich die Initiatorin des Werks – zu Wort kommen lassen:

„Zu Zeiten eines umfassenden Kulturtourismus, in denen man für einen Besuch der Uffizien in Florenz schon Tage vorher eine Karte kaufen muss, um dann zu einer bestimmten Uhrzeit in einer vorgegebenen Zeitspanne hindurchgeschleust zu werden, ist es höchste Zeit, einen fast frei zugänglichen Schatz vor unseren Haustüren zu heben und die Porzellansammlungen in der gotischen Halle des Ansbacher Schlosses und im außergewöhnlich ansprechend konzipierten Markgrafenmuseum (Ansbach) ins öffentliche Interesse zu rücken. Mit diesem bewusst bescheiden gehaltenem Bildbändchen wollen wir der breiten Öffentlichkeit eine weitere Quelle bieten, die Schönheit und hohe Qualität des Ansbacher `weißen Goldes` zu entdecken.“
Eine kurze Chronik der Ansbacher Porzellanfabrik ergänzt das Gemeinschaftsprojekt der Familie Eichinger mit einer kleinen Zeittafel, wobei allerdings auf die Unsicherheit der Gründung nicht eingegangen wird. Christian Eichinger nennt hier 1757, Adolf Lang referiert in seinem Aufsatz aus dem Jahr 1980 "Aus der Geschichte der Ansbacher Porzellanmanufaktur" die Jahreszahlen 1758, 1759 und 1760 für die Gründung.

Der Aufklärer Johann Bernhard Fischer schreibt jedenfalls in seiner "Beschreibung des Burggraftums Nürnberg, unterhalb des Gebürgs; oder des Fürstentums Brandenburg=Anspach" im Jahr 1790: "Die feine Porzellanfabrik in Brukberg, 2. Stunden von Anspach, fertigt diese Waare so fein und schön als Dresden und Höchst, und man kan das Dresdner Porzellan von dem hieländischen nur durch das leichtere Gewicht des erstern unterscheiden. Farben und Malereien sind vortrefflich. Die Fabrik wurde im Jahr 1762 zu Anspach errichtet, nachhero aber nach Brukberg in das dortige, ohnehin leer gestandene fürstliche Lustschlos verlegt. Die Erde zu der nötigen feinen Masse wird von Passau beigeschaft, und der meiste Verschlus der gefertigen Waare, ist nach der Türckey in kleinen Bechern. Mehr denn 70. Personen finden hierbey Unterhaltung und Verdienst."

Dass der Markgraf Alexander von Brandenburg-Ansbach mit privatem Wohnsitz in Triesdorf sehr stolz auf seine "feine Porzellanfabrik" war, beweist die auf der letzten Seite des Buchs abgebildete Silbermünze von 1767: Alexander als Gründer auf der Vorderseite, auf der Rückseite das Schloss Bruckberg als Sitz der Manufaktur. Das herrschaftliche Schloss Bruckberg wurde 1727/1730 von dem markgräflichen Hofarchitekten - und gebürtigen Gunzenhäuser - Carl Friedrich von Zocha errichtet, blieb aber im Inneren unvollendet. 1763 wurde das Schloss dann zur Fabrik. Knapp 100 Jahre später, 1860, hat das letzte Stündchen der Ansbacher Porzellanfabrik zu Bruckberg geschlagen - und geht ein.

Das Buch kostet 15 Euro und ist erhältlich im Buchhandel und über die Geschäftsstelle des Vereins der Freunde Triesdorf und Umgebung.

CARL-ALEXANDER MAVRIDIS
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  Imagefilm Campus Triesdorf der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf geschrieben von Redaktion am 01.06.2020
Die Fachhochschule Triesdorf hat einen Imagefilm auf ihrer Homepage. Hero ist der neue große Campus an der Seckendorffstraße. Rechts im Bild ist ein Teil der Villa Sandrina. Sehenswert!
Imagefilm

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  Von Schillingsfürst nach Corvey, aus Franken nach Westfalen geschrieben von Redaktion am 10.05.2020
Günter Tiggesbäumker


„EX FLAMMIS ORIOR“
Das Haus Hohenlohe im westfälischen Corvey


Der Wahlspruch des Hauses Hohenlohe „ex flammis orior“ (aus den Flammen empor bzw. wie Phönix aus der Asche) sollte für die Familie Hohenlohe-Schillingsfürst im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts „sprichwörtlich“ werden. Als am 16. August 1806 mit dem Heiligen Römischen Reich zugleich der „Fränkische Kreis“ aufgelöst und dem neuen Königreich Bayern unterstellt wurde, verkündete König Maximilian I. Joseph ebenso die Einverleibung des Fürstentums Hohenlohe-Schillingsfürst in das neu gegründete Königreich Bayern. Mit dieser Mediatisierung1 war das Fürstentum Hohenlohe-Schillingsfürst in einen württembergischen und einen bayerischen Teil gespalten worden. Damit verlor das ehemals eigenständige Fürstentum seine staatliche Souveränität, und der Fürst wurde als Landesherr seiner Regierungsgewalt und seiner Privilegien beraubt.2
Wegen der nun fehlenden regelmäßigen direkten Steuereinnahmen bedeutete dieses auch erhebliche finanzielle Einbußen, nicht nur für das ehemalige Fürstentum und den Ort Schillingsfürst, sondern auch für die fürstliche Familie. Diese verschuldete sich und verarmte regelrecht. Als dann noch im Jahre 1822 die Hofhaltung ins westfälische Corvey verlegt wurde, hatte dieses eine Verödung von Schloss und Stadt Schillingsfürst zur Folge. Fürst Franz verließ daher angesichts der „Bayerischen Inbesitznahme“ und der daraus resultierenden Verschlechterung seiner persönlichen Verhältnisse die Residenz. Erst viel später, nachdem Fürst Chlodwig im Jahre 1847 die begüterte Prinzessin Marie zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg geheiratet hatte, verbesserten sich die Verhältnisse in Schillingsfürst.3
Franz zu Hohenlohe-Schillingsfürst hatte am 5. April 1807 das „Erbe“ seines Bruders antreten sollen, verarmte aber und verschuldete sich wegen der geschilderten Situation zusehends und siedelte nach Bad Vöslau in Österreich um. Hier wohnte er bei seiner Schwester Maria Theresia (1779-1819), die mit Moritz Graf von Fries verheiratet war. Dieser besaß das Schloss und die Herrschaft Vöslau und betrieb in Wien ein Bankhaus. Fürst Franz erhoffte sich von seinem reichen Schwager finanzielle Unterstützung und Rettung aus einer aussichtslosen Situation.4 Am 29. März 1815 heiratete er Constanze Prinzessin zu Hohenlohe-Langenburg (1792-1847), und in Bad Vöslau kam am 19. April 1816 die erste Tochter Therese zur Welt.5
Die finanzielle Lage des Fürsten Franz und seiner jungen Familie sollte sich allerdings in Österreich nicht iverbessern, da sich schon bald der Bankrott des Bankhauses seines Schwagers Fries abzeichnete. Erst als Franz im Jahre 1820 das Angebot seines anderen Schwagers, des Landgrafen Viktor Amadeus von Hessen-Rotenburg, annahm nach Corvey zu gehen, um die dortige Verwaltung der neuen Güter des Landgrafen zu übernehmen, verbesserte sich die Situation der Familie Hohenlohe-Schillingsfürst nachhaltig. Als der Landgraf 1834 starb, übersiedelte die ganze Familie nach Corvey.
Die Landgrafschaft Hessen-Rotenburg war ein kleines Duodez-Fürstentum unter der reichsrechtlichen Oberhoheit von Hessen-Kassel, regiert von einer Nebenlinie des Hauses Hessen, die sich zeitweise in weitere Nebenlinien und Landgrafschaften aufteilte.6 Der letzte, vor allem kinderlose Regent dieser „Rotenburger Quart“ an der Fulda war Landgraf Viktor Amadeus (1779-1834).7 Seit dem 10. September 1812 war dieser in zweiter Ehe mit Elise Prinzessin zu Hohenlohe-Langenburg (1790-1830) verheiratet, der älteren Schwester von Constanze Fürstin zu Hohenlohe-Schillingsfürst, der Gattin des Fürsten Franz.
Die beiden Schwestern Constanze und Elise hatten zeitlebens ein sehr inniges Verhältnis, was sich wegen der Kinderlosigkeit der Landgräfin vor allem auf die Zukunft der Kinder ihrer Schwester positiv auswirkte. So war es nicht verwunderlich, dass die Landgräfin regen Anteil am „Schicksal“ ihrer jüngeren Schwester nahm, vor allem kümmerte sie sich, da sie selbst kinderlos war, um deren Nachwuchs. Schon früh zeichnete sich ab, dass die Kinder der Schwester der Landgräfin das private Vermögen des Landgrafen erben würden.8 So schrieb die Landgräfin kurz vor der Eheschließung ihrer Schwester an ihren Vater in Langenburg: „Der gute Victor war den Augenblick bereit, Stanzels Schicksal ganz zu sichern. [...] Von dieser Seite darfst du also ganz ruhig für Stanzels künftige Existenz seyn. [...] Von Herzen hoffe ich, daß du, lieber Vater, nun gar keine Sorgen wegen Stanzels Glück mehr haben mögst. Auf allen Fall machen Victor und ich uns noch anheischig, mehrere ihrer Kinder, sollte sie welche bekommen, zu uns zu nehmen und erziehen zu lassen“9.
Als Constanze dann ein gutes Jahr später „gesegneten Leibes“ war, schrieb ihr ihre Schwester Elise erfreut: „Victor und ich danken Euch tausendmal, dass Ihr uns zu Gevatter bitten wollt, und Victor freut sich sehr dass Ihr dem Kind auch seinen Nahmen beylegen wollt, findet jedoch dass es sich ganz von selbst versteht, dass Ihr es nach des Kronprinzen Wunsch Ludwig nennt. Freylich ein makanter Nahme, jedoch da es der Kronprinz wünscht so thut es doch ja, besonders da ich weiß dass er auf dergleichen Sachen einen großen Werth setzt. Victor lässt Euch darum bitten, wenn es Euch nicht unangenehm wäre, Euren zweyten Sohn Victor zu nennen, da er diesen Nahmen gern hat! Was machst Du denn mit mir Complimente, liebe Stanzel, wenn es ein Mädchen wäre, dass Du es etwa nicht nach mir nennst? Gebt ja nicht dem armen Kind meinen makanten empfindsamen Nahmen den ich selbst gar nicht wohl leiden kann. Ihr nennt es doch wahrscheinlich Therese, nicht wahr?“10 Am 19. April 1816 kommt dann in Vöslau bei Wien das erste Kind des Fürstenpaares zur Welt, es ist eine Tochter: Therese Prinzessin zu Hohenlohe-Schillingsfürst.
Als zweites Kind des Fürsten Franz und seiner Gemahlin Constanze wird knapp zwei Jahre später im heimischen Langenburg Erbprinz Viktor geboren. Zusammen mit seiner Schwester Therese und den jüngeren Brüdern Chlodwig und Philipp Ernst wächst er im Schloss Rotenburg bei Onkel und Tante auf. Die Landgräfin hatte die Erziehung ihrer Nichten und Neffen in Rotenburg stets mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und nahm sich auch persönlich ihrer Ausbildung an. Nach einem Besuch ihrer Schwester Fürstin Constanze in Rotenburg schrieb die Landgräfin über den etwa sechs Monate alten Prinzen an ihren Vater in Langenburg: „Der kleine Victor ist noch immer recht garstig, obgleich ein gutes freundliches Kind, was wohl auch noch hübsch werden kann.“11 Drei Monate später berichtet sie: „Der kleine Victor wird jetzt alle Tage artiger, und kennt mich schon recht ordentlich.“12 Am 31. März 1819 wird in Rotenburg das dritte Kind geboren, Prinz Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Im Sommer desselben Jahres berichtet die Landgräfin an die Mutter: „Die Kinder sind Gott sey tausendmal Lob und Dank, fortwährend gesund und wohl, und Clodwig wird zu schön und lieblich. Er spielt schon mit Karten und mit deinem zurückgelassenen bunten Schawl. Victorle wächst nur in die Breite, nicht in die Länge, der derbe Bursch. Alles spricht der Herzige nach. Clodwig lässt sich das Fingerschlutzen noch immer nicht abgewöhnen, der kleine Spitzbube ist zu gescheut!“13 Auch die Schwestern der Landgräfin nahmen regen Anteil an der Erziehung der Fürstenkinder in Rotenburg. So berichtet Prinzessin Jenny zu Hohenlohe ihrem Vater in Langenburg: „Viktorle bekam vom großen Viktor zu Weyhnachten ‚Onkel Franzens Reise‘, woraus Elise nun alle Morgen Viktor und Chlodwig erzählt, die ganz glücklich darüber sind, sehr aufmerksam zuhören und sich alles recht ordentlich merken.“14 Kurz vor dem Weggang auf das Gymnasium schwärmt die Schwester des Landgrafen von den nunmehr herangewachsenen Kindern: „Mit Deinen Bubens waren ich und alle Menschen hier sehr zufrieden. Sie haben sich wirklich recht vortheilhaft entwickelt – sind äußerst höflich – manierlich, und dabei nicht zu schüchtern. – Lili sagt mir sie hätten auf dem Ball charmant getanzt, besonders Victor, Gesprächiger ist aber noch Clodwig. – Fipsel [Philipp Ernst] sah man die letzten Tage etwas echaufirt. Es ist wirklich viel, 4 Zöglinge unter seiner Obhut zu haben. In der Kirche sind die Buben immer recht andächtig und fromm.“15
Zu diesem Zeitpunkt war Fürst Franz weitgehend mittel- und bedeutungslos, wogegen sein Schwager, Landgraf Viktor Amadeus von Hessen-Rotenburg, nicht nur über ein stattliches Vermögen verfügte, sondern auch eine Anwartschaft auf Ausgleich für linksrheinisch enteignete Gebiete in Aussicht hatte.
Dabei handelte es sich um das Herzogtum Ratibor in Oberschlesien und das Fürstentum Corvey in Westfalen.16 Landgraf Viktor Amadeus von Hessen-Rotenburg gehörte nach dem Wiener Kongress zu den entschädigungsberechtigten Fürsten. Doch wegen der zu erwartenden Erbstreitigkeiten mit dem Kurfürstlichen Haus Hessen-Kassel aufgrund der Kinderlosigkeit des Langrafen setzte dieser alles daran, „außerhessische“ Gebiete als Ausgleich zu bekommen. So wurde ihm zu Beginn des Jahres 1817 eine „Allodial Herrschaft von 20.000 Thalern“ zugestanden, wobei man zunächst noch nicht wusste, „wird es Corvey oder ein Stift im Eichsfeld seyn.“17 Im Mai 1817 war jedoch schon Genaueres bekannt: „Goessel ist nach Corvey, und ist es hinreichend zur Allodial Herrschaft von 20.000 Thalern Revenuen, wird es nächstens in Besitz genommen [...]. Für die Entschädigung ist noch immer Ratibor im Vorschlag.“18 Am 24. Juni 1820 übergab dann der Höxtersche Landrat Philipp Freiherr von Wolff-Metternich im Auftrag der Preußischen Regierung das Corveyer Schloss mit seinem Grundbesitz an den Landgrafen.
Das Fürstentum Corvey wurde dann ab 1822 von Fürst Franz verwaltet, der die Administration auch nach der Besitznahme durch das Haus Hohenlohe-Schillingsfürst im Jahre 1834 bis zu seinem Tode am 14. Januar 1841 weiterführte. Der Schwager des Landgrafen hatte nämlich aufgrund der zuvor erwähnten schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse und der veränderten territorialpolitischen Situation nach einer neuen Aufgabe gesucht, so dass Landgraf Viktor Amadeus ihm schon 1820 die Verwaltung seiner außerhessischen Güter angeboten hatte: „Solltest Du in Schillingsfürst nicht bleiben wollen, so steht Dir die Administration von Corvey zu Dienst, in wessen Besitz ich noch dieses Frühjahr zu seyn hoffe; auch ist es noch wahrscheinlich, daß ich im Lauf des Jahres Ratibor erhalte. Führe daher ja Deinen Entschluß bald herauszukommen aus, und sey versichert, daß wir mit Sehnsucht und Ungeduld darauf harren.“19 Mit der Möglichkeit der Übernahme der Corveyer Verwaltung befreite der Landgraf seinen Schwager aus einer prekären wirtschaftlichen und persönlichen Notlage, zumal in Aussicht gestellt wurde, die Schulden zu tilgen. Nur drei Jahre darauf, am 5. November 1825, hat der Landgraf dann seinen außerhessischen Allodialbesitz, das Herzogtum Ratibor und das Fürstentum Corvey, testamentarisch an seine beiden ältesten Neffen, die Prinzen Viktor und Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, vererbt.20 Im Testament heißt es:
„Zu Unserm ersten Nachfolger und respective ersten Fideicommißberechtigten Besitzer bestimmen und ernennen Wir aus persönlicher Zuneigung und Affection Unsern Pathen, den Prinzen Victor von Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst, geboren den 10. Februar 1818; Derselbe soll gleich nach Unserm Tode nach Allerhöchster Genehmigung des Königs von Preußen Majestät den Titel ‚Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey‘ annehmen.“21
Der Landgraf hatte durch dieses Testament auch die Einsetzung des „Ratibor- und Corvey’schen Familienfideikommiß“ verfügt und so die Gründung einer neuen adligen Familie vorherbestimmt, die das Erbe der außerhessischen Besitzungen des Landgrafen sichern sollte.
Als Landgraf Viktor Amadeus von Hessen-Rotenburg am 12. November 1834 auf seinem neu erworbenen Gut Zembowitz in Oberschlesien verstarb, übersiedelte die fürstliche Familie Hohenlohe-Schillingsfürst nach Corvey, wo das neu erworbene Schloss für einige Jahre zum ständigen Aufenthaltsort des Fürsten Franz, seiner Gattin Constanze und ihrer neun Kinder wurde. 22 So heißt es in den Aufzeichnungen des Prinzen Chlodwig im Herbst 1834: „Ankunft der ganzen Familie auf dem Neuerbe.“ Zu diesem Zeitpunkt war Erbprinz Viktor 16 Jahre und Prinz Chlodwig 15 Jahre alt, d.h. nicht volljährig.
Die Prinzen Viktor, Chlodwig und Philipp Ernst besuchten von 1832 bis 1833 das Gymnasium in Ansbach und wechselten im Oktober 1833 auf das Gymnasium in Erfurt.23 Die Sommerferien 1835 verlebte die Familie wiederum in Corvey. In dieser Zeit wurden die jungen Prinzen durch Eltern und Erzieher mit Corvey vertraut gemacht, was zu einer ausgeprägten inhaltlichen Beschäftigung mit dem „Neuerbe“ führte. So zeichnete Erbprinz Viktor am 11. August 1835, also mit 17 Jahren, vom Weinberg aus ein eindrucksvolles Panorama der ehemaligen Abteigebäude und der umliegenden Weserlandschaft.24 Sein jüngster Bruder Prinz Constantin von Hohenlohe-Schillingsfürst (1828-1896) verfasste im Sommer 1839 als elfjähriger Schüler in Corvey einen mit „zufrieden“ bewerteten Schulaufsatz unter dem Titel „Beschreibung der Gegend von Corvey“.25
„Das in Westphalen gelegene Schloß Corvey war früher ein Mönchs-Kloster; und gehört jetzt einem Fürsten v. Hohenlohe. Es liegt in einem Thale, an der Weser, hinter ihm der Solling, auf einer anderen Seite der Rauschenberg. Eine ½ Stunde von dem Schlosse liegt die kleine, hässliche, schmutzige Stadt Höxter, nach welcher eine herrliche Kastanienallee führt. Einige Stunden davon liegt die kleine, aber nette Stadt Holzminden an der Weser. Das Schloß selbst ist sehr groß, und hat 365 Zimmer, einen großen Schlosshof, und noch einige andere Höfe; es hat eine sehr schöne große Bibliothek, dann einen großen Saal, welcher Kaisersaal deßwegen heißt, weil viele Kaiser darin abgebildet sind. An dem Schlosse ist eine schöne Kirche, eine Kapelle, und ein Kirchhof. – Außer dem Eigenthümer des Schlosses, und seiner Familie, wohnen noch einige andere Familien im Schlosse.“
Schon sehr früh wurde auch das musikalische Talent sämtlicher Kinder gefördert, wie es in Adelshäusern üblich war. So bekamen die Prinzen Viktor und Chlodwig bereits mit fünf Jahren Klavierunterricht, eine Tatsache, die sich auf die spätere musische Entwicklung und ihre Interessen entscheidend auswirken sollte. Unterstützt wurde diese Erziehung durch die schulische Bildung und die späteren Studienaufenthalte. So berichtete Prinz Chlodwig am 3. März 1836 seinen Eltern in Corvey: „Ketschau26 hat uns gestern ein sehr schönes, selbstkomponiertes Lied für Baßstimme mitgebracht, wir studieren es jetzt ein, und es wird Euch gewiß sehr gefallen. Gustels27 neues Klavier ist vortrefflich und hat, wie Ketschau sagt, einen besseren Ton als das in Corvey; Gustel spielt auch sehr eifrig darauf.“28 Am 1. Juni 1837 schließen die Prinzen ihren Aufenthalt in Erfurt mit dem Abitur ab. Chlodwig schreibt: „Frei sind wir jetzt auch von Sorgen, daher auch mehr in Corvey bei Euch als hier“. Am 3. Juni trafen sie in Corvey ein, am 23. Juni immatrikulierten sie sich im nahen Göttingen, und im September traten sie eine Reise über Driburg und Paderborn an den Rhein (Neuwied) an.29 Die Osterferien 1838 wurden wieder in Corvey verbracht: „Sentimental. Schöner April. Lektüre des Werther.“ Im Sommersemester schrieben sie sich dann in Bonn ein. Zu den Kommilitonen gehörte auch Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha.30
Von den Sommerferien 1839 in Corvey im Familienkreise berichtet Prinzessin Elise in ihren Aufzeichnungen: „Wie schön es war, wenn die Brüder in den Ferien von der Universität nach Hause kamen und in das große Schloß in Corvey Leben brachten. In dem herrlich großen Zimmer saß meine Schwester Amalie am Klavier und begleitete meinen Bruder Chlodwig, der einen schönen Bariton hatte, oder sie sangen auch Duette. Als kleines Kind sah ich bewundernd zu den Geschwistern auf. Oder meine Schwester Thesi31 spielte auf der Harfe und sang dazu.“32 Auch im gesamten Jahr 1840 hielt sich die Familie Schillingsfürst in Corvey auf. So schwärmte Prinz Chlodwig am 13. Februar 1840 von den dortigen musikalischen Genüssen: „Ohne Musik ist der Mensch nur ein Halbmensch.“33 Die Oster- und Sommerferien verbrachten die Prinzen Viktor und Chlodwig wiederum in Corvey. Im September 1840 reisten sie dann nach London zur Hochzeit ihres Freundes Albert mit der englischen Königin Viktoria.
Das Jahr 1840 bedeutete für die Familie Hohenlohe-Schillingsfürst in Corvey eine tiefgreifende Zäsur. Nicht nur dass die beiden ältesten Söhne Viktor und Chlodwig älter und reifer wurden und bereits ein Studium begonnen hatten, erfolgte doch mit der Volljährigkeitserklärung die Erfüllung des Testaments des Onkels von 1825: „Er soll bei des Königs von Preußen Majestät um den Titel als Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey nachsuchen“. Diese „Standeserhöhung“ durch den König von Preußen erfolgte vergleichsweise nüchtern und bürokratisch. In der Tat wurde vom Vater der Prinzen und Erben ein „Ersuchen“ nach Berlin geschickt:
„Allerdurchlauchtigst-Großmächtigster König, Allergnädigster König und Herr!
Allerhöchst Dieselben wollen geruhen: den Inhalt der allerhöchsten Verleihungs Urkunde vom 9. Juni 1821, wonach die nun auf meine Söhne vererbten Fideicommißgüter in Oberschlesien mit einer Virilstimme zu einem Mediatherzogthume Ratibor, sowie desgleichen die Herrschaft Corvey zu einem Mediatfürstenthume ernannt und erhoben worden, auch für den Besitz meiner Söhne und Descendenten allergnädigst zu gewähren – und sonach auch dem in der Fideicommiß-Urkunde §5 und 6 ausgedrückten Wunsche des verewigten Erblassers gemäß, meinem Sohne dem Prinzen Victor als erstem Majoratsbesitzer von Ratibor und Corvey, den Titel: ‚Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey‘, desgleichen meinem Sohne, dem Prinzen Clodwig, als Besitzer des zweiten Majorats den Titel: ‚Prinz von Ratibor und Corvey‘ allergnädigst zu verleihen.“34
Die „Standeserhöhung“ erfolgte dann ebenso bürokratisch und nüchtern „aus Veranlassung der am 15. Oktober 1840 in Berlin eingenommenen Erbhuldigung“ für den neuen König Friedrich Wilhelm IV., die in der „Allgemeinen Preussischen Staats-Zeitung“ bekannt gemacht wurde:
„Sr. Majestät der König haben geruht, den Inhalt der Allerhöchsten Verleihungs-Urkunde Sr. Majestät des Hochseligen Königs Friedrich Wilhelm III. vom 9. Juni 1821 zu erneuern, wonach die nun auf die beiden Söhne des Herrn Fürsten Franz zu Hohenlohe-Schillingsfürst vererbten Fideikommiß Güter in Ober Schlesien zu einem Mediat-Herzogthum Ratibor, sowie desgleichen die Herrschaft Corvey zu einem Mediat-Fürstenthume Corvey ernannt und erhoben worden, auch für den Besitz der Söhne des Herrn Fürsten Franz zu Hohenlohe-Schillingsfürst-Waldenburg und der ebenbürtigen eheleiblichen männlichen Descendenten derselben zu gewähren und so nach dem Prinzen Victor zu Hohenlohe-Schillingsfürst als ersten Majorats-Besitzer von Ratibor und Corvey den Titel: Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey, desgleichen dem Prinzen Clodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst-Waldenburg, als Besitzer des zweiten Majorats, den Titel eines Prinzen von Ratibor und Corvey zu verleihen.“35
Durch den letzten Absatz dieses Dekrets tragen die Nachkommen der Familie bis heute den Namen „Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey, Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst“. Die Nachkommen der Familie Hohenlohe-Schillingsfürst tragen seitdem neben ihrem dynastisch ererbten Namen den Zusatz „Prinzen von Ratibor und Corvey“.
Die Standeserhöhung des Prinzen Viktor zu Hohenlohe-Schillingsfürst ist in Folge des Aktes von 1820 zu sehen, als König Friedrich Wilhelm III. die westfälischen und schlesischen Besitzungen des Landgrafen Viktor Amadeus von Hessen-Rotenburg zu einem preußischen Mediat-Herzogtum und Mediat-Fürstentum erhob. Dieses geschah im Zusammenhang mit einer Reihe ähnlicher Maßnahmen, um mediatisierte ehemals souveräne deutsche Fürsten, die bis 1803 und 1806 reichsunmittelbare fürstliche Standesherren waren, mit der Tatsache der Mediatisierung zu versöhnen und zu politischer Mitarbeit am neuen Staatsleben zu gewinnen.
In den beiden prachtvollen Verleihungsurkunden des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. für das Herzogtum Ratibor (1821) und das Fürstentum Corvey (1820) verleiht der König neben den Titeln auch die Wappen. Vor allem das Fürstentum Corvey tritt damit eine fast tausendjährige Tradition an, indem es das Wappen der Fürstabtei und des späteren Fürstbistums ungebrochen übernimmt. Dieses Wappen gilt bis heute, wie das im Jahre 1840 dem neu gegründeten „Herzoglichen Haus Ratibor und Corvey“ durch das Königliche Heroldsamt Berlin verliehene Gesamtwappen. Hierbei handelt es sich um ein zweigeteiltes Schild mit Ratibor (rechts) und Corvey (links), im Mittelschild Hohenlohe-Schillingsfürst, darunter der Hohenlohe-Wahlspruch „ex flammis orior“. Dieses „spechende Wappen“ drückt aus, dass das neu gegründete „Herzogliche Haus Ratibor und Corvey“ auf das alte fränkische Fürstengeschlecht Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst zurückgeht, handelt es sich, genealogisch exakt ausgedrückt, um das erste (herzogliche) Haus des zweiten Zweiges vom ersten Ast des Gesamthauses Hohenlohe.
Am 14. Januar 1841 starb Fürst Franz zu Hohenlohe-Schillingsfürst in Corvey, was Chlodwig veranlasste, in seinem Göttinger Tagebuch zu notieren: „Traurige Reise nach Corvey.“36 Daraufhin verfügte Fürstin Constanze, dass für die Familie Hohenlohe-Schillingsfürst in Corvey ein neues Erbbegräbnis unter der Benediktus-Kapelle hinter der Abteikirche anzulegen sei. Mit dem Entwurf der Ausstattung der Gruftkapelle im Stil des Klassizismus beauftragte sie den Architekten Anton Gehtmann. In der Gruft wurde nur das Schillingsfürster Fürstenpaar bestattet, denn mit dem Tod von Herzog Viktor I. im Jahre 1893 wurden fortan die Verstorbenen des Herzoglichen Hauses in der neuen Familiengruft unter der Schlosskirche in Rauden beigesetzt. Im Jahre 2006 wurden schließlich die 16 Särge mit den sterblichen Überresten der dort beigesetzten Familienmitglieder nach Corvey überführt, wo sie in der neu gestalteten Familiengrablege des Herzoglichen Hauses im Friedgarten von Schloss Corvey ihre letzte Ruhestätte fanden.
Nach dem Tode des Vaters waren die drei ältesten Brüder Hohenlohe-Schillingsfürst übereingekommen, dass der jüngste von ihnen – Philipp Ernst (1820-1845) – Fürst in Schillingsfürst werden sollte, da die beiden älteren Prinzen, Viktor in Ratibor und Chlodwig in Corvey, durch die Rotenburger Erbschaft gebunden waren. Viktor sollte als „Herzog von Ratibor“ die weitaus größeren Besitzungen im oberschlesischen Ratibor bewirtschaften, Prinz Chlodwig wollte sich im weitaus kleineren und beschaulicheren westfälischen Corvey als „privater Landedelmann“ niederlassen. Zu diesem Zweck schlossen die Prinzen Chlodwig und Viktor am 14. Januar 1841 einen Vertrag, in dem sie zugunsten ihres Bruders Philipp Ernst auf Schillingsfürst verzichteten und sich nun Ratibor und Corvey teilten. Nach dem frühem Tod von Philipp Ernst 1845 schlossen beide Brüder am 15. Oktober erneut einen Vertrag, der Chlodwig das Fürstentum Schillingsfürst zusprach und Viktor die Herrschaften Ratibor und Corvey.
Im Juni 1841 reiste Prinz Chlodwig nach Schlesien, um seinen Bruder Viktor zu besuchen. Nach der Standeserhebung vom 15. Oktober 184037 hatte er am 3. November 1840 feierlich Einzug im Schloss Rauden gehalten.38 Chlodwig bewarb sich nun mit Hilfe seines Bruders Viktor für den Vorbereitungsdienst des preußischen diplomatischen Dienstes, wozu er mit seinem Bruder nach Breslau und Berlin reiste. Die Entscheidung wollte er in Corvey abwarten, wohin er im Spätherbst 1841 zurückkehrte. Ungeduldig erwog er auch die Möglichkeit, auf den Staatsdienst ganz zu verzichten und in Corvey als freier Edelmann nach eigenem Geschmack zu leben. Doch das Verlangen nach politischer Tätigkeit nach dem Studium war stärker. So schrieb er von Corvey aus am 23. November 1841 an seine Mutter in Schlesien: „Mein bisheriger Aufenthalt in Corvey hat mir die Unmöglichkeit mehr und mehr dargetan, mich je hier zu etablieren. Das hat sein Gutes. Ich steuere nun heimatlos in die Welt und muß mit Eifer einen Berufszweck verfolgen.“39 Am 19. Dezember 1841 konnte er seiner Mutter mitteilen, dass er die Berufung nach Berlin erhalten habe.
Die Erhebung des Prinzen Viktor zum Herzog von Ratibor, der Tod des Vaters und die Berufung des Prinzen Chlodwig nach Berlin bedeuteten für die Brüder eine Zäsur im persönlichen und beruflichen Leben. Beide waren nun Anfang 20 und herausgerissen aus einer in jedweder Beziehung ländlichen Idylle. Vor diesem Hintergrund ist auch die Bewertung des Verhältnisses zu seinem Bruder Viktor zu verstehen, die Chlodwig in der folgenden Tagebuchnotiz vom April 1842 abgibt: „Eines Vorteils muß ich entbehren und bin dessen doch so bedürftig. Einen Freund, irgendeine Seele, der ich trauen könnte, so ganz bis ins Innerste, dem ich Leiden und Freuden mittheilen könnte! Außer Philipp Ernst und Viktor habe ich nie dergleichen besessen.“40 Und 1844 vermerkt er fast melancholisch: „Mitte Juli reiste ich nach Corvey und empfand dort recht wieder den Unterschied der Luft. Hier [in Berlin] Geist und Körper niederdrückend, dort erhebend. Dazu kam die freundliche Vereinigung mit Viktor, Gustav und Constantin.“41 Außerdem freute er sich über das Glück seines Bruders Viktor, der im Januar 1845 seine Verlobung mit Amélie zu Fürstenberg42 bekannt gegeben hatte. Am 19. Mai 1845 trafen sich dann alle Brüder in Donaueschingen zur Hochzeit des Bruders Viktor; der Bruder Philipp Ernst war zu diesem Zeitpunkt bereits ernsthaft erkrankt. Das Tagebuch verzeichnet: „Frohe und doch schon getrübte Hochzeitstage.“ Philipp Ernst Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst starb nur wenige Tage später.43 Prinz Chlodwig wurde nun „regierender“ Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, eine Tatsache, die nicht nur die Entwicklung der beiden Brüder wesentlich anders verlaufen ließ, sondern auch die Zukunft Corveys und Ratibors in eine andere Richtung lenken sollte als ursprünglich geplant.
Am 16. Februar 1847 heiratete Fürst Chlodwig in Frankfurt am Main Prinzessin Marie zu Sayn-Wittgenstein-Sayn (1829-1897); das junge Paar begab sich zunächst nach Corvey, von wo aus der Fürst am 5. März an seine Schwester Amalie schreibt:
„Ich habe kein andres Gefühl als das einer fröhlichen Frühjahrsstimmung, wenn man unter einem schattigen Baum auf einem nicht zu hohen Berg liegt und die Wolken über sich am blauen Himmel ziehen sieht. Denn mag draußen über dem Ziegenberg eine graue Schneewolke nach der andern herüberziehen, mich kümmert das wenig, denn ich bin glücklich und innerlich zufrieden, und ein seltsames Gefühl der Dankbarkeit erfüllt mein Herz gegen Gott, der die Schritte der Menschen so freundlich leitet zum Segen und zur Freude.
Wir haben hier das vernünftigste, klarste, schönste Leben, das einem Sterblichen zuteil werden kann. Wenn ich morgens zwischen 8 und 9 Uhr aufstehe, mache ich gewöhnlich einen Spazierritt, dann komme ich gerade zurück, wenn Marie fertig ist. Dann frühstücken wir zusammen im gelben Zimmer, freuen uns jeden Tag über den guten Kaffee oder eine neue Sorte Kuchen, mit der uns der Koch überrascht, und unterhalten uns bis gegen 11 Uhr, wo ich in mein Zimmer gehe, um meine Geschäfte zu besorgen, während Marie liest, Klavier spielt oder sich sonst beschäftigt. Gegen 2 Uhr bin ich fertig, dann gehen wir ein wenig in die Allee, wenn das Wetter schön ist, um dem Postboten zu begegnen, wo wir dann auf der Straße die Briefe lesen. Nach 2 Uhr essen wir, ebenfalls im gelben Zimmer, und fahren dann im kleinen Wagen gegen Godelheim, Brenkhausen oder nach dem Chausseehaus über die Weser, mitunter reiten wir beide, Marie in einem schönen braunen Kleid und schwarzem Hut auf dem Fuchs, der so ruhig geht wie ein Badeesel. Zurückgekehrt finde ich gewöhnlich Dedié44 in meinem Zimmer, der mir seine Angelegenheiten und sonstigen Neuigkeiten mitteilt. Abends lesen wir bis zum Tee alle möglichen Bücher oder machen Musik. Ein solches Glück wird aber besonders dadurch gehoben, daß man weiß, daß man nun doch nicht allein auf das idyllische Leben angewiesen ist, sondern nach wie vor am großen Rade der Zeit mitdrehen kann und besser als vorher und nicht eine Last von Sorgen uns in den Schmutz einer mediatistierten Langweile herunterzieht.“ 45
Das Paar musste Corvey am 29. April überraschend verlassen, um die erkrankte Mutter zu besuchen, die bei ihrem Sohn Herzog Viktor in Rauden lebte. Der feierliche Einzug des Fürstenpaares am 29. Juni 1847 in Schillingsfürst wurde von der Krankheit der Mutter überschattet. Fürstin Constanze zu Hohenlohe-Schillingsfürst starb am 25. Juli 1847 in Rauden, wo sie an einem heißen Sommertag im Beisein ihrer Kinder beigesetzt wurde. Erst 1897 wurde sie auf Veranlassung des Fürsten Chlodwig in die Familiengrablege nach Corvey überführt, wo sie nunmehr ihre letzte Ruhestätte an der Seite ihres Gatten gefunden hatte.
Fast 50 Jahre nach dem Tod der Mutter, am 8. Januar 1893, schrieb Fürst Chlodwig von Rauden aus an den Reichskanzler Caprivi46: „Eurer Excellenz beehre ich mich ergebenst mitzutheilen, dass ich mich auf meinem Wege nach Rauden, wohin ich gereist bin, um meinen schwer erkrankten Bruder zu besuchen, einen Tag in Wien aufgehalten und auch den päpstlichen Nunzius Monsignore Galimberti besucht habe.“ Weiter ist im Tagebuch unter dem 13. Januar 1893 zu lesen: „Donnerstag den 5. [Januar] reiste ich von Straßburg ab mit dem Orientexpresszug, der um 4½ Uhr abgeht. Um 9 Uhr kam ich in Wien an. Constantin erwartete mich im Hotel. Wir sprachen noch eine Zeitlang über Viktors Krankheit. […] Am andern Morgen, Sonntag dem 7., fuhr ich mit Max Ratibor47 nach Rauden. Wir kamen um 8 Uhr in Hammer48 an, wo wir einen geschlossenen Wagen fanden, der uns wegen der großen Kälte willkommen war. Ich besuchte nach der Ankunft noch Viktor, den ich angegriffen fand, aber nicht besonders verändert. Er hatte nachmittags den Geistlichen kommen lassen, was ihm ein Bedürfnis gewesen war, ihn aber doch etwas affiziert zu haben schien. […] Die zwei Tage, die ich in Rauden blieb, verliefen wie gewöhnlich. Viktor nahm viel Antheil an den Gesprächen, sein Aussehen war besser, und meine Anwesenheit schien ihm wohltuend. Ich reiste Dienstag früh mit schwerem Herzen ab und fuhr mit Max nach Wien.“49 Wenige Tage später, am Abend des 30. Januar 1893, verstarb Herzog Viktor völlig unerwartet. Am 3. Februar 1893 fanden in der ehemaligen Raudener Abteikirche die Trauerfeierlichkeiten statt; die anschließende Beisetzung erfolgte in der neu angelegten Familiengruft unter dem Turm der Kirche. Tausende von Menschen waren nach Rauden gekommen, um Abschied vom Herzog zu nehmen. Nur wenige von ihnen fanden in der kleinen Kirche Platz, wo die Familie der vom Kardinal Gustav Adolf zu Hohenlohe-Schillingsfürst zelebrierten Totenmesse und der anschließenden Trauerfeier im Beisein des Deutschen Kaisers Wilhelm II. sowie zahlreicher Vertreter des deutschen Hochadels und Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft beiwohnte.50
Ein Teilnehmer an den Feierlichkeiten in Rauden, der Herzoglich Ratiborsche Oberförster Fritz Schuster, hinterließ ein eindrucksvolles Zeitzeugnis:
„Die Trauerfeier hielt dadurch ein besonders Gepräge, dass Kaiser Wilhelm II dem Herzog das letzte Geleit gab, und dass die kirchlichen Exequien von dem Bruder des Herzogs, dem Kardinal Hohenlohe, abgehalten wurden. Die Feier dauerte etwa 1 1/2 Stunden, dabei war eine strenge Kälte, -10º R.51 Der Kaiser hatte neben dem jungen Herzog Platz genommen. Seine Majestät folgte in gespanntester Aufmerksamkeit der kirchlichen Handlung von Anfang bis zu Ende. Seine ungeteilte Aufmerksamkeit mag zum Teil auch darauf zurückzuführen sein, dass ihm als Protestant die feierlichen Zeremonien der katholischen Kirche, die durch die Zelebrierung eines Kardinals noch eine erhebliche Steigerung erfahren, fremd waren. Im Laufe des Pontifikalamtes ging der Kardinal mehrmals mit dem großen Stabe seiner Priesterschaft um den Sarkophag, ihn mit dem Weihrauchfass beräuchernd. Aber jedes Mal trat er vor Beginn und nach Schluss dieser Zeremonie vor den Kaiser, schwang dreimal das Rauchfass gegen Seine Majestät und erstarb in einer tiefen Verbeugung, die der Kaiser stets in gleich ehrfurchtsvoller Weise erwiderte. Als der Sarg zur Gruft getragen wurde, sah ich noch bei der Gruppierung des Leichenzuges wie der junge Herzog, der in der schmucken Uniform der Gardehusaren war, dem Kaiser den Vorantritt hinter dem Sarge einräumen wollte, was Seine Majestät aber durch eine energische Handbewegung huldvollst ablehnte.“52
Am 20. Februar notiert Chlodwig in seinem Tagebuch: „Heute nach der Ankunft [in Berlin] kam Viktor53, den ich zum ersten Male nach dem Tode seines Vaters sah. Dann ging ich zu Margarete.54 Ein trauriges Wiedersehen.“ Beim Begräbnis 1893 in Rauden hatten sich die Geschwister Hohenlohe ein letztes Mal gemeinsam zusammengefunden und im Gedenken an glückliche Tage in Corvey den Bruder Viktor zu Grabe getragen.
In Höxter befindet sich noch heute in der Corbiestraße Nr. 14 das einstmals als „Corveyer Prinzenhaus“ bezeichnete Gebäude. In diesem Haus, damals Grubestraße Nr. 14, starb am 29. Juni 1920 im 90. Lebensjahr Elise Prinzessin zu Salm-Horstmar, die jüngste Tochter von Fürst Franz und Fürstin Constanze zu Hohenlohe-Schillingsfürst.55 Sie wurde am 6. Januar 1831 in Rotenburg an der Fulda geboren und erhielt den Vornamen ihrer im Jahr zuvor verstorbenen Tante Elise, der Gattin des Landgrafen Viktor Amadeus von Hessen-Rotenburg.
Der Name von Prinzessin Elise ist noch heute in Schillingsfürst lebendig56 durch das „Elisenstift“, ein von ihr im Jahre 1855 gegründetes Rettungshaus zunächst für Knaben, zu dem eine ebensolche Einrichtung für Mädchen und 1864 eine Abteilung für alte, sieche oder verlassene Menschen hinzukam. Prinzessin Elise verfolgte die Entwicklung der Einrichtung mit tätiger Anteilnahme. Auch nach ihrer Heirat und dem Umzug nach Höxter 1871 besuchte sie regelmäßig die Jahresfeste am 19. November, dem Tag der heiligen Elisabeth von Thüringen. Prinzessin Elise kam im Alter von drei Jahren zum ersten Mal mit ihren Eltern und Geschwistern nach Corvey. Hier verbrachte sie den größten Teil ihrer Jugend, wurde von Hauslehrern unterrichtet57 und lebte später mehrere Jahre im Schillingsfürster Schloss. Von ihren Brüdern stand ihr Chlodwig am nächsten, mit dem sie lange Gespräche führte und Briefe wechselte, auch über das evangelische Bekenntnis, das ihr eine Herzenssache war.58 In der Corveyer Bibliothek ist ein Liederbuch59 von ihr erhalten, das sie ihrem Bruder Chlodwig zur Silbernen Hochzeit widmete. Prinzessin Elise heiratete am 1. August 1868 in Schillingsfürst den Prinzen Karl zu Salm-Horstmar (1830-1909)60 und zog 1871 mit ihrem Mann nach Höxter. Die westfälischen Besitzungen des Herzogs von Ratibor und Fürsten von Corvey dienten auch fast vierzig Jahre nach dem Erbfall von 1834 der Versorgung der Geschwister aus dem Hause Hohenlohe-Schillingsfürst. Vor allem wurde die vielgerühmte Fürstliche Bibliothek von den Geschwistern benutzt. Eifrigster Benutzer war Fürst Chlodwig, gefolgt von seinen Schwestern Elise und Therese. Auch Constantin Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Obersthofmeister des Kaisers von Österreich, bediente sich häufiger der Bibliothek seines Bruders Viktor.61
Im Mai 1901 besuchte Elise Prinzessin zu Salm-Horstmar ihren Bruder Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst in Berlin. Dort versprach er ihr, sie noch einmal in Höxter zu besuchen. Der betagte Fürst reiste kurz darauf zu seiner Schwester nach Höxter und wohnte im Prinzenhaus an der Corbiestraße. Über diesen Besuch berichtet die Prinzessin: „Mittwoch den 19. Juni [1901] traf er Nachmittags bei uns ein und blieb leider nur bis zum Freitag. Das schönste Sommerwetter hatte Gott für diese Tage geschenkt, und eine Fülle von Rosen umgab uns. Wir fuhren nach Corvey. Dort empfing ihn die Tochter eines Beamten mit einem Rosenstrauß und einem Gedicht. Wir betraten die Räume, wo wir in der Jugend zusammen gewesen waren. Mein Bruder schrieb auf einige Familienporträts, über welche Unsicherheit geherrscht hatte, die Namen auf. Dann gingen wir in die Gruft, welche meine Mutter im Jahre 1841 für meinen Vater herrichten ließ und in welche 1897 auch der Sarg meiner Mutter überführt war. Die Kapelle über der Gruft ist ein Teil der alten Klosterkirche. Mein Bruder hatte die zwei Särge hier noch nicht zusammen gesehen. Aus dem Schloß führt ein lieblicher Weg im Grünen bis zur Tür der Gruft, man sieht von da auf die waldigen Hügel des Sollings. Es war so feierlich, als mein Bruder auf diesem Wege langsam dahinschritt und sagte: ‚Nun sind es sechzig Jahre, dass unser Vater gestorben ist‘. In der Gruft legte mein Bruder zwei Kränze von weißen Nelken auf die Särge, und es war ihm recht, dass ich die Bibelworte sprach: ‚Es wird gesäet verweslich und wird auferstehen unverweslich‘ und um eine selige Nachfahrt betete. Auf dem Rückweg wurde mein Bruder wieder mit Rosen begrüßt. Überall waren Rosen um ihn her. Der Besuch der Gruft war Donnerstag den 20. Juni morgens 11 Uhr. Genau drei Wochen danach ward mein Bruder in Schillingsfürst beigesetzt.“62 Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst starb am 6. Juli 1901 in Ragaz, acht Jahre nach seinem ältesten Bruder Viktor, der nunmehr neben seinen Eltern im „Neuerbe“ Corvey seine letzte Ruhestätte gefunden hat.63
Den zwei ältesten Brüdern Hohenlohe – Viktor und Chlodwig – sowie dem früh verstorbenen Bruder Philipp Ernst folgten zwei weitere Brüder: Gustav Adolf (1823-1896) und Constantin (1828-1896).64 Der Älteste, Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey65 bekleidete hohe Ämter im Königreich Preußen und im Deutschen Reich, war Präsident des Herrenhauses, Mitglied des preußischen Staatsrates und Freund des preußischen Königs Wilhelm I.66 Unter den nachgeborenen Brüdern trat besonders Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst hervor. Nach dem Jura-Studium war er als Botschafter in Paris, Statthalter in Elsaß-Lothringen, Bayerischer Ministerpräsident und Deutscher Reichskanzler unter Kaiser Wilhelm II. tätig.67
Prinz Gustav Adolf machte als Kurienkardinal in Rom Karriere, wo er als Sekretär und Vertrauter von Papst Pius IX. bekannt wurde. Er hatte Theologie in Breslau und München studiert und wurde 1846 Mitglied der Academia Ecclesiastica in Rom. Hier empfing er die Priesterweihe, worauf 1849 die Ernennung zum päpstlichen Großalmosenier und 1857 zum Titularbischof von Edessa erfolgte. Da sich Pläne zur Übernahme eines deutschen Bistums nicht verwirklichen ließen, 1866 ernannte ihn Papst Pius IX. schließlich zum Kardinal. Differenzen mit der Kurie führten aber dazu, dass er sein Bischofsamt 1883 aufgab. Kardinal Hohenlohe hatte sich gemeinsam mit seinen Brüdern Viktor und Chlodwig im Kulturkampf um einen Ausgleich zwischen Kirche und Staat bemüht. Er verbrachte seinen Lebensabend in der Villa d’Este in Tivoli außerhalb der Stadt. Der Kurienkardinal galt als der letzte wirkliche „Kirchenfürst“ in Rom, in seiner Residenz verkehrte und wohnte zeitweise auch Franz Liszt, der vom Kardinal die niederen Weihen erhielt. Beide hatten sich – wie auch die Brüder Viktor und Chlodwig – im Zusammenhang mit der Hochzeit des jüngsten Bruders Prinz Constantin 1859 in Weimar kennen gelernt.68 Kardinal Hohenlohe starb am 30. Oktober 1896 in Rom, nur ein gutes halbes Jahr nach seinem Bruder Constantin. Gustav Adolf wurde auf dem Campo Santo Teutonico, dem deutschen Friedhof im Vatikan, bestattet. Das Grabmal hat sein Bruder Chlodwig errichten lassen, der auch den Text dafür entworfen hat. Das Grab liegt nur wenige Schritte vom Grab der 1887 verstorbenen Fürstin Carolyne Sayn-Wittgenstein entfernt, die Franz Liszt nach Rom gefolgt war.69
Der vierte Sohn und Bruder Hohenlohe – Prinz Constantin – ist weitgehend unbekannt geblieben, wobei er den Schatten der großen Brüder nicht fürchten muss. Als erster Obersthofmeister des Kaisers Franz Josef von Österreich tritt er in Wien an das Licht der Öffentlichkeit.70 Constantin besuchte von Corvey aus in Breslau das Maria-Magdalenen-Gymnasium, das er 1848 mit dem Abitur mit dem Vermerk verließ: „wird sich dem Militärstande widmen“. Er trat noch im gleichen Jahr in den Dienst der österreichischen Krone und nahm am oberitalienischen Feldzug teil. Wegen seiner Verdienste wurde er 1856 in das Adjutantencorps eingereiht und avancierte ein Jahr später zum Flügeladjutanten bei Kaiser Franz Joseph. Der kleingewachsene, äußerst spröde Mann galt als extrem ehrgeizig, zielstrebig und arbeitsam, was ihm den Respekt des Kaisers einbrachte. Die Überraschung war groß, als der Kaiser nach dem Tod seines Obersthofmeisters Liechtenstein im Jahr 1865 den kaum 36-jährigen Prinzen aus Hohenlohe zum interimistischen Leiter des Hofes ernannte. Die Ernennung Constantin Hohenlohes war die wichtigste Personalentscheidung, die Kaiser Franz Joseph jemals für seinen Hof getroffen hat. Hohenlohe wurde zum bedeutendsten Obersthofmeister in der gesamten 600-jährigen Geschichte des Hofes. Zunächst nur Obersthofmeisterstellvertreter, war er der erste Mann am Hof des österreichischen Kaisers. Seine erste große Aufgabe war nicht gerade geeignet, sich bei den anderen hohen Hofbeamten beliebt zu machen, er musste auf kaiserlichen Wunsch ein Sparpaket größten Ausmaßes schnüren, da die staatlichen Finanzen kurz vor dem Kollaps standen. Durch den überwältigenden Erfolg überzeugt, ernannte ihn Kaiser Franz Joseph im November 1867 schließlich zum Ersten Obersthofmeister. Nach dem Tod des Kronprinzen Rudolf 1889 fielen ihm besonders schwierige Aufgaben zu, deren Bewältigung die Erhebung in den österreichischen Fürstenstand durch den Kaiser zur Folge hatte. Um die Residenzstadt Wien machte er sich durch Förderung der in seine lange Amtsperiode fallenden großen Ringstraßenbauten und um die Praterregulierung („Constantinhügel“) sehr verdient. Vielfach geehrt und ausgezeichnet starb Fürst Constantin zu Hohenlohe-Schillingsfürst am 14. Februar 1896 in seiner Residenz, dem Augartenpalais in Wien. Das Begräbnis fand im Beisein der engeren kaiserlichen Familie in Wien statt.
Wie seine Brüder Viktor (1889) und Chlodwig (1896) wurde Prinz Constantin bereits 1867 Träger des Ordens vom Goldenen Vlies. Wohl kaum eine europäische Familie des Hochadels, mit Ausnahme des Hauses Habsburg, kann in einer einzigen Generation drei ihrer Mitglieder als Träger dieses Ordens vorweisen. Der ursprünglich burgundische Orden vom Goldenen Vlies gehört seit 1430 zu den ältesten und vornehmsten Auszeichnungen des Habsburger Reiches.71
Die Heirat des Prinzen Constantin zu Hohenlohe-Schillingsfürst mit der Prinzessin Marie zu Sayn-Wittgenstein (1837-1920) hat eine interessante Vorgeschichte und ist in enger Beziehung zu Corvey zu sehen. Immerhin hat dieses Ereignis dazu geführt, dass August Heinrich Hoffmann von Fallersleben Bibliothekar des Herzogs von Ratibor in Schloss Corvey wurde.72 Als der Komponist Franz Liszt Anfang Februar 1848 nach Weimar zurückkehrte, folgte ihm seine „Muse“ Carolyne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein. Sie bezog zusammen mit ihrer Tochter Marie die „Altenburg“, eine Villa am Rande von Weimar, in die im Herbst auch Liszt einzog. Am 5. März 1854 kam August Heinrich Hoffmann von Fallersleben erstmals nach Weimar, wo er sich vergeblich um die Stelle eines Oberbibliothekars beim Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach bemühte. Nach seiner Ankunft besuchte Hoffmann von Fallersleben sofort Franz Liszt in der Altenburg. Aus dieser ersten Begegnung wurde schnell eine intensive Freundschaft. Liszt unterstützte Hoffmann Zeit seines Lebens und vermittelte ihm die spätere Anstellung in Corvey. Ein Ereignis des Jahres 1859 sollte das Ende dieses Treffpunkts einleiten, denn am 15. Oktober heiratete Constantin Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst Prinzessin Marie zu Sayn-Wittgenstein (1837-1920), die Tochter der Fürstin Carolyne. Das jung vermählte Paar verließ Weimar und reiste nach Corvey, wo man die „Hochzeitreise“ verbrachte. Immerhin waren es nach 22 Jahren Jugenderinnerungen, die der 31-jährige Prinz seiner Angetrauten vermitteln wollte.73 Für Hoffmann von Fallersleben war die Hochzeit des Prinzen Constantin mit Prinzessin Marie allerdings von großer Bedeutung, denn er lernte auf der Feier den Herzog von Ratibor kennen. Dazu notierte Hoffmann in seinen Erinnerungen: „Den 15. Oct. war der Hochzeitstag der Prinzeß Wittgenstein-Sayn. Tags vorher hatte ich sie beglückwünscht und ihr einige Kleinigkeiten zum Andenken überreicht. Daß dieser Tag auch für mich ein Glückstag sein sollte, konnte ich nicht ahnden: aus liebevoller Theilnahme für uns hatte mich die Prinzessin dem Hertzog von Ratibor empfohlen, und diese Empfehlung war von bestem Erfolge.“74
Das Herzogliche Haus Ratibor und Corvey trägt heute in fünfter Generation die Verantwortung für die große und weitläufige barocke Schlossanlage in Corvey (heute Stadt Höxter). Stammsitz der Familie war von 1840 bis zum Jahre 1945 Schloss Rauden im Herzogtum Ratibor (Oberschlesien). Obwohl Schloss Corvey der Familie in den Jahrzehnten zuvor hauptsächlich als Neben- und Sommerresidenz diente und sich der Hauptwohnsitz bis vor kurzem in Österreich befand, lagen der Familie die Geschicke der ehemaligen Benediktinerabtei in den vergangenen 200 Jahren immer sehr am Herzen. Da die UNESCO Corvey im Frühjahr des Jahres 2014 zu einer Welterbestätte ernannt hat, schließt sich der Kreis des Wahlspruchs der Familie Hohenlohe. Nach wirtschaftlichen Depressionen, Krieg und sicher auch persönlichen Niederlagen war Corvey für die Familie Hohenlohe-Schillingsfürst ein Glücksfall. Nicht nur, dass sich die Schlossanlage heute Dank der „neuen Herren“ in einem hervorragenden Zustand befindet, auch die Nachkommen der „ersten Generation“ in Corvey können auf bemerkenswerte Karrieren zurückblicken. Ein damaliger Staatsmann bemerkte zynisch: „Den Herren von Hohenlohe ist es sehr geglückt, der Eine besorgt die Geschäfte der Familie am österreichischen Hofe, der Andere besorgt sie am preußischen Hofe, der Dritte hat mit Erfolg den schwierigen Posten als Botschafter (in Paris), der Vierte ist Kardinal und Priester, um seinen älteren Brüdern für die zahlreichen Sünden Ablass zu erteilen, die sie begehen müssen.“75
Abbildungen
(Quelle: Viktor Herzog von Ratibor / Fürstliche Bibliothek Corvey)


1. Constanze Fürstin zu Hohenlohe-Schillingsfürst (Lithographie von 1842)

2. Franz Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (Lithographie von 1842)

3. Corvey von der Nordwestseite gezeichnet von Victor Hohenlohe 11. August 1835 (Bleistiftzeichnung)

4. Schloss Corvey – UNESCO-Welterbestätte

5. Die „Hohenlohe-Brüder“ Viktor Herzog von Ratibor und Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst in Corvey (Fotografie von 1850)

6. Philipp Ernst Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst (Bleistiftzeichnung im Skizzenbuch seiner Schwester Therese zu Hohenlohe, Corvey 1835)

7. Kardinal Gustav Adolf Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst (Fotografie, Rauden 1893)

8. Constantin Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst (Lithographie von 1869)

Vortrag mit Abbildungen und Fußnoten gehalten am 22.10.2019 vor dem Historischen Verein für Mittelfranken im Ansbacher Schloss.

Literatur:

Günter Tiggesbäumker„EX FLAMMIS ORIOR“. Das Haus Hohenlohe im westfälischen Corvey, in: Vielfalt fränkischer Geschichte, Ansbach 2016, S. 527-551 (=104. Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelfranken; Gedenkschrift für Gerhard Rechter 1951-2012 hg. von Georg Seiderer, Herbert Schott und Daniel Burger).

Günter Tiggesbäumker. Corvey – Welterbe an der Weser, Berlin 2015, 2. Auflage


Adresse des Autors:

Dr. Günter Tiggesbäumker
Fürstliche Bibliothek Corvey
Schloss Corvey
37671 Höxter
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